Seite 27 - Heilig

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IV. Kapitel
„Festung Braunschweig“:
Der letzte Tag
Noch immer lief der Machtapparat der Nazis erstaunlich reibungs-
los. Am Abend des 10. Aprils, gegen 23 Uhr, telefonierte Berthold
Heilig, der sich mit einer SA-Einheit im Harz an der Reichsstraße 4
bei Königskrug in der „Festung Harz“ verschanzt hatte, mit Braun-
schweig. Der 30-Jährige erfuhr vom NSDAP-Kreisgeschäftsführer
Willi Niemöller, dass die Stadt kampflos den Amerikanern überge-
ben werden sollte. Schäumend vor Wut untersagte Heilig den „Ver-
rätern und Feiglingen“ jede weitere Amtshandlung und kündigte
an, den Widerstand der Stadt selbst in die Hand zu nehmen. Er fuhr
– begleitet von SA-Sturmbannführer Hans Timm und einem zehn-
köpfigen Begleitkommando – nach Braunschweig. Gegen 2.30 Uhr
traf er im Kreisbefehlsstand im Nussbergbunker ein.
Das Gangsystem dieser kleinen „Nazi-Burg“ ist bis heute komplett
erhalten, und auch der klotzige Beobachtungsturm und die dicken
Betonwände ragen noch immer oberhalb des Franzschen Feldes
aus der hügeligen Parklandschaft. Mit Heiligs Eintreffen hier im
Osten der Stadt begann der „Countdown“ vor Braunschweigs
„Stunde null“, dem Einmarsch der Amerikaner, dem Kriegsende.
Dieser Tag war auch für Heiligs Biografie deshalb so wichtig, weil
da all das geschah, was letztlich zum Todesurteil für den Nazi Hei-
lig führte.
6 Uhr:
In der Morgendämmerung dieses 11. Aprils, es war ein Mitt-
woch, erzitterte die Stadt unter schwerem Artilleriefeuer. Alle paar
Sekunden pfiffen mit sirrendem Geräusch die Granaten heran und
zerbarsten zwischen Schuttbergen und ausgebrannten Häusern der
Innenstadt, die allerdings nach der Feuernacht vom 14./15. Oktober