Seite 12 - Kaeferprofile_

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Bier ...
Da isser, der grau-blonde Strubbelkopf mit der
charakteristischen Nase: In Jeans und T-Shirt biegt
Ingolf Lück um die Straßenecke, den Sportrucksack
locker übergeworfen. Als Treffpunkt hat er sein
Kölner Lieblingscafé ausgewählt, das »Extrablatt«.
Noch so einer, der trotz seines erheblichen
Bekanntheits- und Beliebtheitsgrades ganz locker
geblieben ist. Auch wenn er mittlerweile einen
Familien-Kombi fährt, läuft er gleich mehrere Male
lächelnd um den »Stippvisite«-Käfer herum. Ja, ja:
Die Vergangenheit lässt grüßen ...
Mit dem VW Käfer hat der Comedy-Mann, der aus dem
»ernsthaften« Theater-Fach kommt, so einiges
erlebt. Eines seiner Exemplare brachte ihn dereinst
um seine angemessene Bier-Ration, ein anderes
sorgte für intensive Kommunikation mit den bekann-
ten grünen Ordnungshütern und noch heute wähnt er
irgendwo in Bielefeld einen längst dahingegangenen
Käfer ...
Wir beginnen unsere Zeitreise mit einem beherzten
Griff in Ingolf Lücks Fotokiste. Die einzelnen Bil-
der verdichten sich schnell zu einem Film in ausge-
blichenen Technicolor- und Polaroid-Farben: Lück
mit Freunden und Käfer am Bielefelder Diemel-See,
Lück und Käfer ...
(Fotos werden herum gereicht)
– ... in Frankreich auf dem Campingplatz, mit
unserer Theatergruppe.
? Was habt Ihr damals hauptsächlich gespielt?
– Überwiegend französische und spanische Surrealisten: Ionesco, Arrabal, ...
? Hat sich Deine Comedy-Karriere also aus einem »ernsthaften« Engagement heraus
entwickelt?
– Wir haben schon früh Laien-Theater gemacht, nach der Schule im Umwelt-Zentrum
Bielefeld. Dann kam bald das Staßentheater und die Idee, ein Rock-Theater zu reali-
sieren. Also so etwas wie die »Erste Allgemeine Verunsicherung«, nur viel kleiner.
? Dann kam »Formel Eins« ...
– Ja, mit etwas Verspätung. Ich hatte bereits 1985 ein Konzept für eine Sendung
geschrieben, die sollte »Lücks dröhnende Wochenschau« heißen. Daraus wurde später
die bekannte »Wochenshow«. Das Gute im Gegensatz zur Gegenwart war ja, dass Du Dir
die Jobs beim Fernsehen noch regelrecht aussuchen konntest. Du wurdest gefragt!
Heutzutage überhaupt nicht mehr vorstellbar ...
? Wieviel Deiner Texte schreibst Du selbst?
– Wir haben am Anfang wirklich alles selber gemacht. Vor allem gab es bis dahin
den Beruf des so genannten Gag-Schreibers – des Autoren – in Deutschland noch gar
nicht. Einen einzigen hatten wir hierzulande! Das ging dann natürlich irgendwann
nicht mehr, und so hat die »Wochenshow« quasi einen ganz neuen Berufszweig in Lohn
und Brot gebracht.
? Ist das nicht ein komisches Gefühl: ausschließlich fremdes Material zu verlesen?
– Nö. Gar nicht. Am Anfang habe ich geschrieben und gesprochen. Dann haben die
Autoren aufmerksam verfolgt, wie ich spreche – und danach ihre Texte verfasst! Ich
bin ja Schauspieler. Ich kann eine Szene 75-mal gleich spielen.
? Wie hat sich das Fernsehen aus Deiner Perspektive innerhalb der vergangenen
20 Jahren verändert?
– Du hast diese Überflutung auf allen Kanälen, zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Heute ist das Fernsehen Teil der Jugendkultur, früher war es Teil einer Hochkultur
– oder einer etablierten Kultur, zu der wir nicht gehörten. Wir fanden halt im
Fernsehen nicht statt – das heißt, das, was wir machten: Freies Theater, freie
Musik. War uns aber erstmal auch egal: Wir wollten ja Theater machen! Heute ist
Fernsehen überall und die ehemalige Avantgarde hat sich zu einer ganz »normalen«
Erscheinung entwickelt – was sehr schön ist! Denn mit unserer Kunst möglichst alle
Leute zu erreichen war bald unser erklärtes Ziel geworden.
Ingolf Lück, Mittwoch, 4. September 2002, Café »Klatsch«, Köln
Ingolf Lück, 2. von rechts, stehend.