Seite 139 - Kirchenbuch

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K i rch l i che Kunst im Braunschwe i ger Land
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K IRCHL ICHE KUNST
IM BRAUNSCHWE IGER L AND
von Klaus Renner
Vorbemerkung: Das reiche Erbe an wertvoller bildender Kunst im Bereich der braun-
schweigischen Landeskirche vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart erlaubt es, in
diesem Beitrag nur einige wenige Entwicklungslinien aufzuzeigen und ausgewählte
„Fenster zu öffnen“.
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Das Verhältnis der Urchristenheit zu Bildern ist vom alttestamentlichen Bilderverbot
nach Exodus 20,4ff. bestimmt, das aus der aktuellen Existenz und der Anbetung frem-
der kultischer Bilder zu verstehen ist. Dennoch entsteht schrittweise vom 3. Jahrhun-
dert an eine christliche Kunst, die von der Überzeugung lebt, dass Gott selbst nicht
sichtbar gefasst werden kann, dass aber die Menschwerdung des Gottessohnes zu
einem wichtigen Legitimationsgrund für die Christusdarstellungen wird. So nehmen
unter den Gottesbildern dieser Welt die gemalten und plastisch ausgeformten Chris-
tusdarstellungen eine einzigartige Stellung ein. Die Spannung zwischen Jesus von Na-
zareth als dem Menschen und gleichzeitig als dem wahren Gottessohn, hat Künstler
zu allen Zeiten beeindruckt und zu großen Kunstwerken herausgefordert. Die Ge-
schichte dieses Schaffens ist vom Gegensatz bewegt: „Du bist der Schönste unter den
Menschenkindern” nach Psalm 43,3 und „Er hatte keine Gestalt noch Schöne [...]
Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit” nach
Jesaja 53,2ff.
Im Bilderstreit des 8. und 9. Jahrhunderts wird noch einmal hinterfragt, ob die Gott-
menschheit Christi wirklich adäquat dargestellt werden kann. Doch schließlich ist
das Verlangen nach bildlichem Ausdruck des Glaubens stärker als alle theologischen
Bedenken, zumal die Bibel eine Fülle von bildhaften Texten im Alten und Neuen Tes-
tament enthält, z. B. in den Gleichnissen Jesu oder in den Visionen der Johannesapo-
kalypse. In der Ostkirche erlangt das Bild, die Ikone, sogar eine besondere Bedeutung
als Quelle der Offenbarung neben der Heiligen Schrift und der mündlichen Überliefe-
rung. Doch auch in der westlichen Kirche halten die Bilder vom Mittelalter an nach
und nach Einzug. Bemalte Decken und Wände in den Gotteshäusern, farbig gestalte-
te Altäre, Kruzifixe, Altargemälde und Bilderzyklen mit biblischen Motiven sind dazu
ausersehen, neben dem Wort die Geheimnisse des Glaubens zu vermitteln. Bild und
Wort rücken gleichwertig zusammen. Menschen mit persönlichen Glaubenserfahrun-
gen erstatten ihren Dank durch Stiftungs- und Weihegeschenke, mit denen die Kir-
chen bedacht werden, doch dienen sie häufig nicht nur zur Vermittlung des Heilsge-
schehens, sondern auch zur Verherrlichung der Kirche und des Papsttums.