Seite 29 - Kirchenbuch

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Di e mi t te l a l ter l i che K i rche im Braunschwe i ger Land
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Heinrich der Löwe hatte bei jenem Religionsgespräch Ostern 1172 in Konstantinopel er-
reicht, dass der Kaiser des Ostens von der theologischen Korrektheit des zusätzlichen
Wortes „Filioque“ überzeugt wurde, jedenfalls nach dem Bericht des Chronisten Ar-
nold aus Braunschweig. Das Ganze geschah feierlich vor geistlichem und politischem
Publikum in heiterer Stimmung. Wortführer bei dieser pompösen Demonstration der
speziellen westlichen Lehre von der Gottheit des Heiligen Geistes war Abt Heinrich
vom Lübecker Johanniskloster, ein aus Brüssel stammender und im St. Ägidienkloster
zu Braunschweig ausgebildeter Benediktiner. Er war vor seinemWeggang nach Lübeck
schon Abt am welfischen Hauskloster St. Ägidien gewesen. Nach der Rückkehr aus
dem Orient beförderte der Herzog sogleich diesen seinen erfolgreichen „Cheftheolo-
gen“ und Namensvetter Heinrich zum Bischof der jungen und aufstrebenden Handels-
metropole Lübeck, die dann für die Christianisierung der Länder an der östlichen Ost-
see einflussreich werden sollte. Auch die beiden bischöflichen Vorgänger im neuen,
schon 1159 vom Sachsenherzog gegründeten Lübeck waren Braunschweiger Theolo-
gen: Der Schwabe Gerold (gest. 1163) war zuvor als Hoftheologe Kapellan und auch
Schulleiter am Blasiusstift; ihm war sein Bruder Konrad als zweiter Bischof von Lübeck
gefolgt. Konrad war vorher Abt des Zisterzienserklosters Riddagshausen vor den Toren
Braunschweigs und hatte 1172 Herzog Heinrich auf der Orientreise begleitet. Kurz nach-
dem die Wallfahrer Jerusalem verlassen hatten, war der Lübecker Bischof Konrad
plötzlich in Tyrus gestorben. Sein Nachfolger wurde also jener Braunschweig-Lübecker
Benediktinerabt und „Filioque“-Experte Heinrich.
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Das alles entsprach auch einer
konsequenten Personalpolitik Heinrichs des Löwen, „der zur Besetzung kirchlicher
Pfründen im nordelbischen Missionsgebiet wiederholt auf Braunschweiger Kleriker zu-
rückgriff. Ebenso bediente sich der Herzog 1160 führender Ministerialer wie Liudolfs
von Peine oder Liudolfs von Dahlum aus dem Braunschweiger Land, als er Burgen im
slawischen Eroberungsgebiet (Malchow, Quetzin) zu besetzen hatte“.
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Doch man soll-
te in der Bischofspolitik des Herzogs noch Größeres und Wagemutigeres erkennen. Er
wollte nicht Diener in der Kirche, sondern Herr über die Kirche sein.
EIN NORDDEUTSCHER INVEST I TURSTREI T?
Heinrich der Löwe scherte sich wenig um das Urteil des für die Besetzung der kirchli-
chen Ämter zuständigen höheren Klerus, so als hätte es 1077 kein Canossa und 1122
kein Wormser Konkordat gegeben, welches diesen Streit eigentlich hätte beenden sol-
len. Heinrichs resolute Kirchenpolitik entsprach immer noch der alten sächsischen
Vorstellung von „Eigenkirchen“, wonach der Fürst die äußere Kirche wie etwas „Eige-
nes“ ansah. So hatte auch Heinrichs Großvater Kaiser Lothar gehandelt, und in dieser
Hinsicht hatte der Rivale auch keinen Widerspruch von seinem Vetter Kaiser Fried-
rich I. Barbarossa zu fürchten, der ihm 1154 auf einem Reichstag in Goslar sogar die-
ses Recht einer „Laieninvestitur“ bestätigt hatte.