Seite 49 - Kirchenbuch

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Di e Braunschwe i g i sche Landesk i rche zur Ze i t der Au f k l ä r ung
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DI E BRAUNSCHWE IGISCHE L ANDESK IRCHE
ZUR ZE I T DER AUFKL ÄRUNG
von Peter Albrecht
Kein Zeitabschnitt ist bis heute in der Kirchengeschichte so um-
stritten wie die Aufklärung, jene geistesgeschichtliche pragmati-
sche Bewegung, die mit der Frühaufklärung im ausgehenden
17. Jahrhundert ihren Anfang nahm und bis ins 19. Jahrhundert
hinein das Denken und Handeln in weiten Teilen Europas be-
stimmte. Zunächst mehr eine Debatte unter Philosophen und
Staatsrechtlern gelangten deren Gedanken zunehmend in größe-
re Kreise und leiteten tiefgreifende Veränderungen der gesell-
schaftlichen Realität ein. Immanuel Kants (1724-1804) berühmte
Erklärung: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner
selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unver-
mögen, sich seines Verstandes
ohne Leitung eines anderen zu
bedienen. Selbstverschuldet ist
diese Unmündigkeit, wenn die
Ursache derselben nicht am
Mangel des Verstandes, son-
dern der Entschließung und
des Mutes liegt, sich seiner
ohne Leitung eines anderen zu
bedienen. Sapere aude! Habe
den Mut dich deines eigenen
Verstandes zu bedienen! ist
also der Wahlspruch der Auf-
klärung.“
1
Mit anderen Worten,
alles Handeln muss vor der
Vernunft bestehen können.
Jegliches Handeln muss sich
fragen lassen, welchen Nutzen
es für die menschliche Gesell-
schaft erbringt. Der Mensch
als vernunftbegabtes Wesen ist
aufgerufen, an der Vervoll-
kommnung der Welt zu arbei-
ten. Und wenn Aufklärer von
Abb. 1:
Immanuel Kant
(1724-1804),
Kupferstich,
Fotonachweis: ullstein
bild, Nr. 01028704