Seite 22 - Raabe_inspiriert

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worden, die er am liebsten aus seinem Gedächtnis
streichen wollte.
Mit einem seichten Schubs aus unsicheren Hän-
den stieß Sven die Tür auf und blickte in eine Flut
aus Blautönen, in die das Zimmer getaucht war.
Seine Mutter blickte einen Augenblick auf, ohne
ihr Lied zu unterbrechen, wandte anschließend das
Gesicht wieder dem Säugling zu, welcher, für viele
Ohren fast nicht wahrnehmbar, leise in seiner Wie-
ge schnarchte. Ihr blondes Haar – nicht so schmud-
delig wie das seine – glänzte im Abendlicht.
Sven betrachtete die Mutter mit dem Kind, wie
sie es hin und her schaukelte.
Dann machte er auf dem Absatz kehrt und polter-
te die Holztreppe hinunter in den Keller, wo sich
sein Zimmer befand. Mit einem Ruck stieß er die
Tür auf und warf sich bäuchlings auf sein Bett. Nicht
weinen. Männer weinen nicht. Dennoch entkam
ihm ein kleines Schluchzen für das er sich im nächs-
ten Moment hätte ohrfeigen können. Warum konn-
te nicht alles so wie früher sein? Ohne Baby, ohne
„Papa“.
Sven verbrachte den Rest des Tages im Bett. Er
fühlte sich platt, ausgelaugt, wusste allerdings nicht
recht, warum. Er schlief ein ohne überhaupt be-
merkt zu haben, dass er müde war.
Am nächsten Morgen fühlte er sich immer noch
schlapp. Daher rappelte er sich auch nicht auf als
sein Wecker klingelte, sondern wickelte sich noch
einmal in seine Decke ein.
Irgendwann erklang ein Klopfen an seiner Tür.
„Bin wach“, murmelte der Zwölfjährige verschlafen.