Seite 42 - Raabe_inspiriert

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Tja, und damit habe ich dir dann auch schon alles
Erfreuliche erzählt. Ich wusste schon, warum ich zu-
nächst so getan habe, als wäre dies einfach der längst
fällige Besuch. Wie sich alle gefreut haben, mich
wiederzusehen! Das Haus meiner Eltern war ständig
voller Besuch, in der ganzen Verwandtschaft bin ich
herumgereicht worden, auf der Straße wollte mich
jeder zum Kaffee einladen und keiner konnte es ab-
warten, von meinen Erlebnissen im Ausland zu hö-
ren. Naja, jedenfalls bis zu dem Moment, als ich
nach ein paar Tagen dann doch mal die Bombe plat-
zen lassen und erzählen musste, das ich arbeitslos
geworden bin und in meinem Alter auch keine gro-
ßen Chancen mehr habe, eine ähnliche Stelle zu
finden. Du kannst dir nicht vor­stellen, was das für
ein Theater gab! Mutter und Schwester in Tränen
aufgelöst, während mein Vater getobt hat, ich wäre
immer noch derselbe Versager wie früher und hätte
ihn vor den Leuten zum Gespött gemacht. Und
„die Leute“, Felix, können sich das boshafte Grinsen
kaum verbeißen, wenn sie mich auf der Straße tref-
fen und weiden sich daran, uns alle mit spitzen Be-
merkungen und guten Ratschlägen zu traktieren.
Du weißt ja, dass ich gehofft hatte, dass ich in die
Heimat zurückkehren und hier eine Zuflucht fin-
den könnte. Ich gehöre nun mal nach Bumsdorf,
das ist mir längst klar geworden. Wenn nur die Men-
schen nicht wären! Ich wollte mir hier doch ein neu-
es Leben aufbauen. Aber ich fürchte, das wird nichts.
Aber was gibt es Neues bei dir? Hoffentlich ist bei
dir alles in Ordnung? Schreib mir bald, ja?
Gruß, Leonhard