Seite 26 - Kirchenbuch

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Re i nha r t Staats
telme hat von seiner Leidenszeit in Brunshausen erzählt.
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Gerade dieser älteste kirch-
liche Ort im Land Braunschweig muss daran erinnern, dass die antichristliche und
rassistische Propaganda für eine Germanisierung ganz Europas furchtbare Verbre-
chen zur Folge hatte.
DER ALTSÄCHSISCHE HEL IAND ALS MISSIONSPREDIGT
Vor 850 wurde der sogenannte „Heliand“ gedichtet. Diese bezaubernde Poesie ist
eine harmonisierende Nachdichtung der vier Evangelien in Stabreimen in altsächsi-
scher Sprache, ein christliches Selbstzeugnis für die erst wenige Jahrzehnte vorher ge-
schehene Sachsenmission. Der Heliand ist die älteste Großdichtung in uns zwar frem-
der, aber immerhin ältester deutscher Sprache. Als Missionstext ist der Heliand auch
ein starkes Beispiel für Anpassung der christlichen Botschaft an die sprachlichen For-
men und Verhältnisse altgermanischer Kultur: Christus wird wie ein König vorgestellt,
ja wie ein Gefolgsherr und Landesherr, und er stammt aus edlem Geschlecht. Maria
umwickelte ihr Kind in der Krippe mit teurem Tuch und „mit herrlichem Schmuck“.
Draußen weiden keine Schafe, sondern Pferde. Die Jünger sind Jesu treue Gefolgsleu-
te. Trotzdem ist der Heliand kein Text der Religionsvermischung, sondern der „missio-
narischen Akkomodation“
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.
In der Heliand-Forschung wird meist das Kloster Fulda als Entstehungsort vorgeschla-
gen. Aber auch Corvey ist als Ursprungsort nicht auszuschließen, zumal die älteste er-
haltene Handschrift (heute in München) im 9. Jahrhundert aus Corvey stammt. Eine
merkwürdige Erfahrung von Weststürmen am Meer könnte persönliche Erinnerun-
gen mit Stürmen im nordelbischen westlichen Holstein reflektieren: „So tut der törich-
te Mann, der am Seestrand auf dem Sande einen Saalbau zimmern will, wo ihn west-
licher Wind und die Wogen, die Seewellen zerschlagen“ (vgl. Mt 7,26f.). Jesus und die
Jünger fahren auf dem See Genezareth wie bei schwerem Meeressturm in einem
„hochgehörnten“ Schiff (zu Mt 8,23–27 par und Mt 14,22–23 par), woraus man auf die
Vorstellung von einemWikingerschiff schließen darf. Hatte der Autor eigene Erlebnis-
se an der Küste oder hat er Erzählungen darüber poetisch verklärt?
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Der Corveyer
Ansgar war bekanntlich als Missionar über Bremen nach Hamburg und weiter nach
Norden gewandert.
Auch die Abtei Werden wurde als Heimat des Dichters vorgeschlagen. Dann aber soll-
te in der Diskussion um die Entstehung des Heliands neben Corvey und Werden auch
der Name von St. Ludgeri in Helmstedt, dieses mit Werden fest verbundenen Missions-
klosters, nicht fehlen. Der Informationsaustausch zwischen den alten und den neuen
Kommunitäten im Karolingerreich darf ja nicht unterschätzt werden. Die Anonymität
des Verfassers könnte aber auch auf weibliche Mitwirkung bei der Entstehung des He-