Seite 31 - Kirchenbuch

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Di e mi t te l a l ter l i che K i rche im Braunschwe i ger Land
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Unterdrückung des Primates der Vernunft durch die Autorität der Kirche scharf kritisie-
ren. Lessing, ein sehr guter Kenner der älteren Kirchengeschichte, hatte nämlich ent-
deckt, dass diese Lehre vor 1215 durchaus umstritten gewesen war. Er konnte anhand
einer von ihm in seiner „Biliotheca Augusta“ gefundenen und 1770 in einer Braun-
schweiger Druckerei publizierten Abendmahlsschrift des Bischofs Berengar von Tours
(gest. 1088) den Beweis führen, dass Berengar sogar mit Martin Luther übereinstimme.
Dafür erhielt Lessing großen Beifall von lutherischen Pastoren, damals auch noch vom
Hamburger Hauptpastor Goeze, seinem späteren Gegner.
DIE KIRCHENSCHÄTZE VON ST. BLASI I UND ST. LUDGERI
Die in der Reliquiengeschichte und in der deutschen Kunstgeschichte einzigartige
Sammlung des „Welfenschatzes“ geht zurück auf einen Kirchenschatz der Gräfin Ger-
trud (gest. 1077).
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Sie war Gemahlin des Grafen Liudolf von Braunschweig aus dem
jüngeren Geschlecht der Brunonen. Die Eheleute hatten schon 1030 bei der Burg
Dankwarderode eine erste Stiftskirche errichten lassen. Heinrich der Löwe hatte
dann ab 1173 die religiösen Kunstwerke reichlich vermehrt und in seiner neuen Braun-
schweiger Stiftskirche St. Blasii vereinigt. Der Welfenschatz blieb dort ein halbes Jahr-
tausend – bis zum Ende der Unabhängigkeit Braunschweigs. Dieses Ende kam im
Jahr 1671: Die Stadt Braunschweig hatte sich gegen den Wolfenbütteler Herzog Rudolf
August erhoben. Dieser verbündete sich mit seinem Vetter Herzog Johann-Friedrich
(Calenberg/Hannover), der als Gegenleistung für seine Waffenhilfe zur Eroberung
Braunschweigs die Auslieferung des Reliquienschatzes der Blasiuskirche forderte.
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So kam dieser Schatz zusammen mit dem Schatz aus dem Cyriacus-Stift aus Braun-
schweig in die Hand der hannoverschen Linie der Welfen und blieb in Hannover bis
zum Jahr 1866, als das Königreich Hannover von Preußen annektiert wurde. Danach
betrachteten die hannoverschen Welfen diesen Schatz als ihr Privateigentum, mit
fragwürdiger juristischer Begründung. 1929 wurde der Welfenschatz – damals noch
82 sakrale Stücke feinsten Kunsthandwerks, vor allem Reliquiare – über den interna-
tionalen Kunsthandel nach Amerika, insbesondere an das Cleveland Museum of Art
verkauft. Doch gelang es 1935 der Reichsregierung, wenigstens 42 Stücke für das Ber-
liner Kunstgewerbemuseum nach Deutschland zurückzukaufen.
Auch das berühmte Evangeliar Heinrichs des Löwen, entstanden nach 1189 noch zu
Lebzeiten des Herzogs in der Benediktinerabtei Helmarshausen an der Oberweser,
betrachtete das Welfenhaus als sein Privateigentum. Wir wissen nicht, wann und wo-
hin das Evangeliar aus St. Blasii weggeführt wurde. Seit Ende des 16. Jahrhunderts be-
fand es sich in Böhmen im Besitz des Prager Domes. Von dort hatte es König Georg V.
von Hannover im Jahre 1861 käuflich erworben. Es wurde früher nach dem österrei-
chischen Exilort des Welfenhauses auch das „Gmundener Evangeliar“ genannt. Mit