Seite 59 - Muenzbuch

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Die ‚Kipperei’ im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel
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Die Kippermünzen
In Braunschweig-Wolfenbüttel begann die massive Phase der Geldverschlechterung im Vergleich zu
anderen Staaten schon relativ früh. Bereits 1617 wurde reines Kupfergeld offizieller Art als Vier-, Zwei-
und Einpfennigstücke wohl in der Münzstätte Heinrichstadt (Wolfenbüttel) produziert.
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Die Kippermünzen aus dem Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel tragen meist nicht den
Namen oder Titel des Herzogs, weswegen sie auch als ‚stumme Groschen’ bezeichnet werden, sondern
Sprüche (‚Spruchgroschen’), die Wappen einzelner Braunschweiger Regionen oder Phantasiewappen.
Außer den aus der offiziellen Münzprägung bekannten Darstellungen des Braunschweiger Wappen-
schildes, des Wilden Mannes und des Heiligen Andreas erscheinen auf ihnen der Braunschweiger
Löwe und der Braunschweiger Helm, die Bärentatzen von Hoya, das Hirschgeweih von Regenstein
und Blankenburg, das springende Ross, Leoparden, Hirsche, Löwen, Turmanlagen und vieles andere
mehr. Man wollte damit verbergen, wo die Münzen hergestellt worden waren, aber sie doch als gültige
Währung hinstellen. Die Vielzahl der Typen und Varianten ist fast unüberschaubar
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, so dass hier
einige wenige Beispiele genügen müssen.
Am häufigsten unter den Kippermünzen vertreten sind die Groschen (Abb. 185)
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, die als offizielle
1/24-Taler durch die Wertzahl 24 kenntlich gemacht sind. Schlechte Groschen wurden in riesigen
Mengen in allen Kippermünzstätten geprägt. War bis 1617 aus einer Gewichtsmark von rund 233 g
Silber die Prägung von 144 Groschen erlaubt, so wurden 1617 und 1618 schon 200 Groschen aus der
gleichen Silbermenge hergestellt, 1619 zwischen 260 und 270 Stücke und 1621 gar 350. Die Groschen
wurden zudem immer kleiner, hatten teilweise nur noch einen Durchmesser von 16 mm; sie wurden
immer leichter, wogen schließlich nur noch 0,55 g, und der Feingehalt
an Silber nahm dramatisch ab.
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Auch die Qualität der Darstellungen
wurde schlechter, die Münze immer unansehnlicher. Berühmt sind
die ‚Spruchgroschen’ wegen der Vielfalt der Sprüche, die darauf zu
lesen sind, so auch auf den ‚Bärenklauengroschen‘ (Abb. 186)
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.
Hans Laffers, seit 1619 als Münzmeister in Diensten Herzog Friedrich Ulrichs, soll laut einer Anklageschrift
von 1628 die so genannten ‚Bärenklauengroschen’ in der Neustadt von Hannover geprägt haben.
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Viele Groschen zeigen noch den alten Rückseitentyp mit dem Reichsapfel und dem Namen des Kaisers
(Abb. 187)
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. Mit Absicht wurde oft in der Kipperzeit der Name des Landesherrn verschwiegen. Gerne
wählte man aber Teile des Landeswappens als Vorderseitenbild aus.
Es lässt sich oft nicht mehr festzustellen, welche Stücke in einer der offiziellen Münzstätten des
Fürstentums hergestellt wurden und welche in einer der zahlreichen Heckenmünzstätten. Man
imitierte gerne die Prägungen anderer Münzmeister oder wollte sich verbergen, indem fremde Wappen,
Abb. 185:
Braunschweig-Wolfen-
büttel, Kippergroschen
1620. – Silber. 0,62 g.
18mm. – NORD/LB
Inv.-Nr. 3841.
Vorderseite:
MO · NO · DVCA · BRN · 
(= neue Münze des Herzog­
tums Braunschweig); auf-
gerichteter Löwe nach links.
Rückseite:
FE II G R · I · S · – 20
(= Ferdinand II., von Gottes
Gnaden römischer Kaiser
auf ewig, 1620); Reichs-
apfel mit der Wertzahl 24.
Abb. 186:
Braunschweig-Wolfenbüttel, ‚Bärenklauengroschen’
1619, Kippermünzstätte Hannover-Neustadt, Münz-
meister Hans Laffers. – Silber. 0,87 g. 27mm. –
NORD/LB Inv.-Nr. 1033.
Vorderseite:
D MENSCHEN · G · I · V S (Der Menschen Gunst ist
umsunst); Wappenschild mit den nach innen gewen­deten
Bärentatzen von Hoya.
Rückseite: · 
MAT · D · G · R · I · S (= Matthias, von Gottes Gnaden
römischer Kaiser auf ewig) 16-19; Reichsapfel mit der
Wertzahl 24.
Abb. 187:
Braunschweig-Wolfenbüttel, Kippergroschen 1620. –
Silber. 0,84 g. 27mm. – NORD/LB Inv.-Nr. 32.
Vorderseite:
 ·M · GL · V · KR · K · V · G ·M ·  (Mein Glück und Kraft
kommt von Gottes Macht) und Münzzeichen; Turm, in
der Toröffnung aufgerich­teter Löwe nach links.
Rückseite:
 ·MATT · I · R · I · (Matthias I. Romanorum Imperator)
16-20; Reichsapfel mit der Wertzahl 24.