Seite 79 - Raabe_inspiriert

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ist. Zumindest war er es, auch bei ihrem einzigen
Streit. In ihren ersten Semesterferien hatte ein Be-
kannter in Altenbüttel sie eingeladen. Es ärgerte sie,
dass Georg ausschließlich mit ihr redete und tanzte.
Als er sie in der Dunkelheit einer Kerze küssen woll-
te, wehrte sie ihn ab: Ich kann doch meinen Bruder
nicht küssen. – Meine Schwestern heißen Beate und
Tina, murmelte er und versuchte es erneut. Aber du
bist und bleibst mein Blutsbruder. Hat er Verlangen
nach einer Ohrfeige seiner Blutsschwester? Seine
Stimme war eisig: Wenn du das machst, passiert was.
Das, liebster Bruder, hängt doch allein von dir ab.
Trotzdem wollte er sie wieder küssen. Ihre Hand
wischte über seine Wange, er drückte ihr seine bren-
nende Zigarette in den Arm und ging ohne ein Wort.
Jahrelang blieb eine Narbe zurück, aber nicht mal
ein Jahr ihre Wut.
Zu Pfingsten war sie aus Tübingen nach Altenbüt-
tel gefahren, lag im Liegestuhl in der Sonne und las.
Hinter sich hörte sie ihren Namen. Als sie sich um-
drehte, war Georg schon über die Balkonkästen und
die graue Mauer auf ihren Plattenweg gesprungen.
Die Wiedersehensfreude hatte beide überrumpelt.
Ob er auf ihre Einladung überhaupt reagieren
wird? Ärger macht sich breit über sein langes Schwei-
gen. Sie hat keine Lust wieder vergeblich zu warten,
Geduld gehört nach wie vor nicht zu ihren Stärken.
Ob sie ihre Cousins einlädt? Hinnerk ja. Manfred
wäre auch in Ordnung, aber seine Frau …
Bübchen war der einzige Junge bei ihren Feiern.
Als Kind hatte er ihr zum Geburtstag immer Tulpen
aus seinem Vorgarten geschenkt, manchmal nur